"Der Bundestag ist nicht zur Unterhaltung da."

Wolfgang Thierse über sein Ossi-Profil, die Jugendabwanderung und die Jugendbeteiligung. Der Bundestagspräsident im Exklusivgespräch mit der Onlineredaktion.

 

Herr Thierse, in Prora sind an diesem Wochenende 15.000 Jugendliche. Was haben Sie im Alter von 15 bis 20 Jahren getrieben?

 

Da ich nach dem Abitur nicht studieren durfte, habe ich einen Beruf erlernt, das Schriftsetzerhandwerk. Danach durfte ich in Berlin studieren, ernsthaft, ganz langweilig. In der DDR war das mit Fetenkultur nicht ganz so gut. Ich war Sprecher der Studentengemeinde der DDR. Das kann man auch in Stasi-Berichten nachlesen. Disko? Ich bin lieber ins Theater gerannt, zu Konzerten und Diskussionen.

 

 

Herr Thierse, im Nachnamenslexikon heißt Thierse in etwa „Riese“. Ihr Spitzname im Volk ist „Teddy“. Sehen sie sich als sozialdemokratisches Gewicht im Deutschen Bundestag oder gehen Sie mit den Parteien auf Schmusekurs?

 

Ich hoffe, ich bin erkennbar ein profilierter Politiker und das hilft im Bundestag mehr als wenn da oben auf dem Präsidentenstuhl  einer säße, der nur noch sänftelt und säuselt.

Ich habe fair und neutral zu sein. Natürlich bin ich erkennbar ein ostdeutscher Sozialdemokrat. Man wirft mir ja sogar Parteilichkeit vor, was ich zurückweise.

 

 

Herr Thierse, Mecklenburg-Vorpommern klagt über die bundesweit höchste Abwanderungsrate junger Menschen. Es gibt bisher keine bundesweite Untersuchung über das Problem und keine bundesweiten Gegenmaßnahmen. Nehmen die Bundestagsabgeordneten den Strukturwandel nicht ernst?

 

Es kann auch keine bundesweiten Programme geben, wenn Jugendliche aus MV abwandern. Die deutsche Wanderungsbewegung ist nicht ganz neu. Das Problem beginnt da, wenn Jugendliche ihre eigene Zukunft nicht mehr mit ihrer Heimat in Verbindung bringen. Gegen diese Art von Resignation von jungen Leuten „Mecklenburg-Vorpommern hat keine Zukunft“ muss man angehen. Mit Politik, mit wirtschaftlichen Aktivitäten aber natürlich auch durch kulturelle Anstrengungen wie Prora03. Es lohnt sich eigentlich Fantasie und Engagement aufzubringen für die Zukunft dieses Landes.

 

 

Die Jugendlichen kommen aber eben nicht zurück. Das Problem hat größere Ausmaße angenommen, als man sich vorstellen kann. Gerade bei jungen qualifizierten Frauen ist die Rückwanderungsquote sehr gering. Das Problem tritt ebenso im Norden von Brandenburg und Sachsen-Anhalt auf. Das ist ein Ausmaß, dass die gesamte Bundesrepublik betrifft. Warum sollte sich die BRD nicht dieses Problems annehmen?

 

Es ist nicht nur eine Sache der Politik. Es ist eine Sache der Wirtschaft, der gesellschaftlichen Kräfte insgesamt. Ich sage noch einmal: Die Bundespolitik beschäftigt sich mit der Annäherung von Lebensverhältnissen. Natürlich brauchen wir politische Anstrengungen. Wir haben das Jump-Programm „100.000 Arbeitsplätze für Junge“, die sonst in Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe sind. Wir brauchen natürlich eine Politik zur Förderung des Mittelstandes. Die Förderpolitik muss auf größere Erfolge ausgerichtet sein, also Netzwerke, Innovationspotential, Forschungskapazitäten ausbauen.

 

 

Herr Thierse, Sie machen sich stark für die deutsch-deutsche Verständigung. Sie übernehmen eine Reihe von Schirmherrschaften für Antirassismusprojekte oder Journalistenehrungen. Wann waren sie das letzte mal in einer Kneipe und haben mit Wessis und Ossis gequatscht?

 

Kneipenquatschereien? Ist das ein entscheidendes Kriterium? Ich bin viel in Schulen unterwegs, in Altenheimen und wer weiß was alles noch. Da kann man sogar intensiver quatschen, als in der Stammkneipe in Berlin. Also ich versuche immer noch einigermaßen normal unterwegs zu sein. Selbst im Urlaub im Ausland: Ich weiß nicht, warum die Leute das bei mir machen. Sie stellen sich bei mir vor und sagen: ‚Ich bin aber ein Wessi.’ Da sage ich: ‚Macht doch aber nix.’

 

 

Herr Thierse, die Bundesregierung fördert bisher nur zaghaft Jugendbeteiligung. Wann ist die Zeit gekommen, mehr Verantwortung in Hände Jugendlicher zu legen?

 

Da ist es in der Politik, wie im wirklichen Leben. Wichtig ist, dass junge Leute nicht warten, dass Ihnen die Politik mundgerecht auf einem Silbertablett serviert wird, sondern dass sie selber, da wo sie Interessen haben, versuchen sich einzumischen, Verbündete zu gewinnen, Mehrheiten zu gewinnen für das, was sie vorschlagen. Das ist normaler politischer Betrieb. Welche Entscheidungen sollen in die Hände Jugendlicher gelegt werden? Da möchten sie mich bitte ein bisschen konkreter Fragen. Wir machen Jugend im Parlament jedes Jahr. Eine Woche sind mehrere 100 Jugendliche im Bundestag zu Gast, diskutieren miteinander, die Bundestagsabgeordneten hören ihnen zu, stehen Rede und Antwort.

 

 

Da hat die Politik aber auch Möglichkeiten. Sich einmischen heißt ja nicht nur reden, sondern für Jugendliche praktisch tätig zu werden. In kleinen Projekten, in denen Jugendliche entscheiden, wie ihre nähere Umgebung aussehen soll.

 

Nur so lernt man Demokratie, wenn die Jugendlichen sich an den quälenden Entscheidungen des immer zu knappen Geldes beteiligen. Das ist genau das, was ich wünsche, für richtig halte, dass sie mitreden, wie das vorgesehene Geld verteilt wird.

 

 

Also sie sagen auch, dass man Jugendlichen mehr Geld für selbstbestimmte Projekte geben soll.

 

Nein. Politik heißt nicht, man wünscht sich etwas und irgendjemand erfüllt es einem.

 

 

Denken sie dabei auch daran, dass Politiker eine andere Sprache als Jugendliche sprechen, dass man auch als Politiker versuchen muss, auf ein Level nach unten zu wechseln.

 

Nein. Ich bin sehr dafür, dass Politiker deutsch reden, also verständlich reden sollen. Ich fände es lächerlich, wenn ich als demnächst 60jähriger im Jugendjargon daherreden würde. Das würden sie auch lächerlich finden. Politiker sollen sich nicht anbiedern an junge Leute. Sie sollen zuhören, sie sollen junge Leute ernst nehmen, dadurch dass sie ihnen auch widersprechen, mit ihnen ernsthaft und leidenschaftlich von gleich zu gleich streiten.

 

 

Wie sieht es aus mit einer kleinen Anekdote aus Ihrem Berufsalltag?

 

Der Bundestag ist nicht zur Unterhaltung da. Dafür gehe ich ins Kabarett. Aber ich verrate ihnen: Es gibt einen riesigen Unterschied zwischen Donnerstag Vormittag, wenn das Fernsehen dabei ist und Donnerstag Mitternacht. Manchmal präsidiere ich auch gerne nachts, weil das sehr heiter ist. Man redet dann wirklich miteinander. Während man bei den großen Sitzungen, wenn die Fernsehkameras dabei sind, dann redet man ja gewissermaßen zum Fenster hinaus, also im wörtlichen Sinne in die Fernsehkameras hinein. 

cb

 


 

Zugabe: Wolfgang Thierse im Gespräch mit Tini Schöbeck, Latücht Film + Medien e.V. Neubrandenburg:

 

Welches Gefühl haben sie bei Prora03?

 

Diese sympathische Stimmung: Nicht immer nur zu warten, zu jammern und zu schimpfen, sondern Fragen stellen, sich selber engagieren. Was kann man tun? Was ist unsere Zukunft? Ich finde diese Atmosphäre der Selbstermunterung ausgesprochen sympathisch.

 

Wie wichtig sind solche Veranstaltungen?

 

Ich hoffe auch, wenn 15.000 Jugendliche da waren, und sind sie auch aus anderen Ländern, dass die bemerken: Rügen ist wirklich viel schöner als Sylt. Sylt ist doch stinklangweilig dagegen. Es ist wichtig, dass Junge Leute miteinander sprechen und begreifen: „Wir haben verwandte Probleme, aber wir sind auch gleichermaßen engagiert und blicken nach vorne. Und Vergnügen macht’s doch sicher auch noch, oder?



Suche
weitere Artikel
Wo ist bloß die..
Milch macht müde Männer munter – vielleicht wurden..mehr..
 
Schüler wissen ..
Mehr Lehrer und mehr Geld für die Bildung sind Wün..mehr..
 
Einfach anfange..
Mal eben selbständig machen. Mal eben MV voranbrin..mehr..
 
Treckerfahren u..
Die Schaltung ist wie man sie kennt. Es kann eigen..mehr..
 
Demokratie nach..
Die letzte Diskussionsrunde am Samstag auf prora03..mehr..
 
Wer zensiert ha..
Eine Zensur findet nicht statt. Sondern etwas ande..mehr..
 
Frühstück bei A..
Nur noch schnell das Futtertütchen holen und ab zu..mehr..
 
"Der Bundestag ..
Wolfgang Thierse über sein Ossi-Profil, die Jugend..mehr..
 

Unterstützt von:




(c) Onlineredaktion Prora03. Alle Rechte vorbehalten.

| Impressum | Kontakt |